| Baubeginn am Brenner Basistunnel Nadelöhr wird beseitigt |
02. Februar 2010 | ||
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VON: RICHARD E. SCHNEIDER Startschuss für den Bau des Brenner-Basistunnels – des dereinst mit 62,7 km längsten Tunnels der Welt. Die Verbindung ist das wichtigste Teilstück des geplanten vierspurigen Ausbaus der 2200 km Bahnlinie Berlin–Palermo, finanziert von Italien, Österreich und Deutschland.
Auf der Nordseite hat der Bau des Brenner-Basistunnels (BBT) mit dem Tunnelvortrieb des Erkundungsstollens begonnen. Der BBT soll mit 62,7 km der längste Tunnel der Welt werden und führt vom österreichischen Innsbruck zum Bahnhof des Südtiroler Städtchen Franzensfeste. Der BBT ist wichtigstes Teilstück der vierspurig auszubauenden Eisenbahn-Verbindung München–Verona, auf die der staugefährdete Lkw-Verkehr über den Brenner verlagert werden soll. Erst im Sommer 2009 waren die letzten umweltpolitischen Fragen zum bisherigen Nadelöhr am Brenner von der Regierung in Wien beantwortet worden.
Finanziert durch die beteiligten Länder Die Finanzierung des imposanten Verkehrsprojekts von über 20 Mrd. EUR wird von den drei beteiligten Staaten Deutschland, Italien und Österreich geschultert, wie diese im Mai 2009 in einem «Memorandum of Understanding» gemeinsam mit den fünf beteiligten Regionen Bayern, Tirol, Südtirol, Trentino und Verona festlegten. Die 2004 gegründete Firma BBT SE (Brenner-Basistunnel-AG europäischen Rechts) übernimmt sämtliche Los-Ausschreibungen und gehört mehrheitlich den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) und der italienischen Eisenbahn-Infrastruktur-Gesellschaft (RETE) sowie minderheitlich den beteiligten Regionen. Die EU-Kommission, die 1994 in Montreux das TEN-Projekt «Nr. 1» Berlin-Palermo als prioritär eingestuft hatte, bezuschusst den Bau des BBT mit 786 Mio. EUR. Die TEN-1-Strecke ist 2200 km lang und verläuft in Deutschland bereits vierspurig zwischen Berlin–Leipzig und Nürnberg–München. Die nördliche Teilstrecke im Unterinntal zwischen Kundl und Baumkirchen erhält 68 Mio. EUR, ebenso die südliche Zulaufstrecke Verona-Franzensfeste. Mit einem weiteren EU-Zuschuss von knapp 58 Mio. EUR wird der Ausbau-Abschnitt Erfurt-Halle vorangetrieben.
Nordzulauf von 165 km Länge Insgesamt ist der Nordzulauf vom München zum Brenner-Basistunnel 165 km lang. Er umfasst die bereits vierspurig ausgebaute Strecke MünchenGrafing, den ebenfalls modernisierten Streckenabschnitt zur österreichischen Landesgrenze bei Kiefersfelden sowie die Unterinntal-Bahn in Österreich, die nun untertunnelt wird. Anders als beim Neubau des 57,2 -m langen Gotthard-Tunnels ist dieser Nordzulauf-Streckenausbau sehr aufwändig und wird allein 2 Mrd. Euro verschlingen. Es mussten zwei Bahnhöfe verlegt und neue Zughaltestationen eingerichtet werden. Eisenbahn-Trassen sowie Rettungs-stollen, Grundwasserwannen, Regenrückhaltebecken, Behelfsbrücken und neue Autobahnzufahrten wurden errichtet. Inzwischen sind 29 km der insgesamt 37,5 km Tunnelstrecke fertig ausgebrochen, die Durchschläge bewerkstelligt und die Eisenbahn-Infrastrukturarbeiten wurden in Angriff genommen. «Wir liegen voll im Plansoll der zum 9. Dezember 2012 anvisierten Fertigstellung der Teilstrecke», sagte ÖBB-Pressesprecher Pelizzari gegenüber der ITZ.
Südzulauf bis Verona umfasst 189 km Der Südzulauf umfasst mit 189 km zwischen BBT-Südportal und dem norditalienischen Verkehrsknotenpunkt Verona den längeren Teilbereich. Die Eisenbahn-Linie Verona-Neapel verläuft seit Ende 2009 durchgehend vierspurig – mit dem Ausbau des Teilstücks Bologna-Florenz. Bis zum Südtiroler Hauptort Franzensfeste konnten die italienischen Regional-Behörden ihren Streckenbereich durch den Neubau der vier Tunnels Ceraino, Kardaun, Schlern und Pflersch bereits modernisieren. Hier sollen anstatt 180 Zügen in wenigen Jahren bis zu 250 Zugs-kompositionen pro Tag verkehren.
Anschluss an Verkehrsdrehscheiben In Verona, Endpunkt eines DB-Autozugs, befindet sich mit dem «Quadrante Europa» einer der bedeutendsten Verkehrsknotenpunkte Italiens. In unmittelbarer Nähe des Flughafens Villafranca, an der Kreuzung der Autobahn Mailand—Venedig und der Brenner-Autobahn Richtung Süditalien, werden 50% des kombinierten Auslandsverkehrs Italiens und 30% seines kombinierten Inlandverkehrs abgewickelt. Auf der Schiene wurden hier im Jahr 2003 rund 5 Mio. t Güter und auf der Strasse 18 Mio. t befördert. Für die Güterdrehscheibe «Quadrante Europa» stehen 12 Gleise für den Kombiverkehr und 18 Gleise für gewöhnliche Waggons zur Verfügung, ausserdem vier Portalkräne mit grosser Reichweite sowie acht 40-t-Spezialkräne: Der durch die Verbreiterung der Brennerachse auf vier Gleise erwartete Anstieg des Güterumsatzes in Verona wird auf eine aufnahmebereite Infrastruktur treffen.
Ein neuer Tunnellängen-Rekord Der bisherige Weg über den nur 1374 m hohen Brenner-Pass stellt seit der Antike eine der bedeutendsten Nord-Süd-Verbindungen Europas dar. Die erste Eisenbahnverbindung Bozen–Innsbruck wurde 1867 eingeweiht und stellte hohe Anforderungen an die Tiefbau- und Eisenbahn-Ingenieure. Für die damalige k.v.k. Monarchie Österreich-Ungarn und die sich bildende Republik Italien stellte sie ein Prestigeobjekt dar, was sich auch an den aufwändigen Brücken- und Bahnhof-Gestaltungen zeigte. Heute rollen jährlich über 2 Mio. Schwerlastwagen über die Brenner-Autobahn, die 50 Mio. t Güter befördern, und zudem 12 Mio. Pkw. Es hagelte in der Vergangenheit Sonntags- und Nacht-Fahrverbote sowie Lärmschutzklauseln, um die Lkw auf die Schiene zu treiben. Nun erhoffen sich Umweltschützer und Anrainer vom Bau des Tunnels spürbare Verbesserungen ihres Lebensraums im Unterinntal.
2022 ist Eröffnung Im Jahr 2022 soll der BBT eingeweiht werden. Er schliesst unmittelbar an die 1994 untertunnelte Bahnumfahrung Innsbruck an. Je nach Einfahrt (ab Innsbruck oder Umfahrung) wird die Brenner-Tunnelstrecke bis Portal Franzensfeste 55 km bzw. 62,7 km lang sein und bis 1400 m tief unter der Bergspitze verlaufen. Der BBT besteht aus zwei separaten Tunnelröhren, die alle 333 mmiteinander verbunden sind. Seine Längsneigung beträgt nur 0,67%. In 12 m Abstand unterhalb der Tunnelröhren wird mittig ein Erkundungsstollen vorangetrieben, dessen Bau weitere Aufschlüsse über die Gesteinsbeschaffenheit für den BBT ermöglichen soll. Dieser Stollen in der Sillschlucht bei Innsbruck weist eine Gesamtlänge von 5,6 km auf und wird im Sprengvortrieb hergestellt. Dagegen wird der am 28. April 2008 begonnene BBT-Erkundungsstollen bei Aicha in Südtirol von einer modernen, 134 m langen Tunnelbohrmaschine ausgebrochen. Der italienische Präsident Giorgio Napolitano nannte den BBT: «ein Projekt des Friedens, der europäischen Integration und der Modernisierung.» Beide Erkundungsstollen erhalten einen Durchmesser von 6 m und sollen weitere Erkenntnisse zu den Eigenschaften und dem Verhalten des Alpengebirges bei den Bohrungen liefern.
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